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Netzentgelte – Struktur, Mechanik und strategische Stellhebel

Netzentgelte sind das Entgelt für die Nutzung der Stromnetze.
Doch sie sind weit mehr als eine pauschale Gebühr.

Für Unternehmen mit registrierender Leistungsmessung (RLM) setzen sie sich aus mehreren Bestandteilen zusammen.


1. Arbeitspreis (ct/kWh)

Der Arbeitspreis wird pro verbrauchter Kilowattstunde berechnet.

Er deckt variable Netzkosten, also die tatsächliche Nutzung des Netzes.

Je höher der Energieverbrauch, desto höher dieser Anteil.

Aber:
Der Arbeitspreis ist häufig nicht der größte Hebel.


2. Leistungspreis (€/kW)

Hier wird es interessant.

Der Leistungspreis basiert auf der höchsten gemessenen Viertelstundenleistung im Abrechnungszeitraum.

Das bedeutet:

Nicht der Jahresverbrauch entscheidet allein –
sondern die höchste gleichzeitige Lastspitze.

Beispiel:

Ein Betrieb mit 100.000 kWh Jahresverbrauch kann sehr unterschiedliche Netzentgelte zahlen, je nachdem, ob seine maximale Last 50 kW oder 120 kW beträgt.

Eine einzige Lastspitze kann die Kosten für das gesamte Jahr beeinflussen.

Warum?

Weil Netzbetreiber Infrastruktur für die maximale Leistungsanforderung vorhalten müssen – nicht für den Durchschnitt.

Das ist Netzphysik.


3. Messstellenbetrieb und Abrechnung

Hinzu kommen Entgelte für:

  • Zähler
  • Messsysteme
  • Datenübertragung
  • Abrechnung

Mit der Einführung intelligenter Messsysteme steigen hier teilweise die Kosten.


4. Umlagen im Zusammenhang mit Netznutzung

Bestimmte Umlagen werden über die Netzentgelte abgebildet, z. B.:

  • §19 StromNEV-Umlage (Entlastung energieintensiver Unternehmen)
  • ffshore-Netzumlage
  • weitere systembedingte Kostenbestandteile

Diese sind regulatorisch vorgegeben.


5. Redispatch und Systemstabilität

Mit dem wachsenden Anteil erneuerbarer Energien steigen die Anforderungen an Netzsteuerung.

Redispatch bedeutet:

Kraftwerke werden angewiesen, ihre Einspeisung zu erhöhen oder zu reduzieren, um Netzengpässe auszugleichen.

Diese Maßnahmen verursachen Kosten, die über Netzentgelte refinanziert werden.


Warum unterscheiden sich Netzentgelte regional?

Netzbetreiber haben unterschiedliche:

  • Investitionsvolumina
  • Netzlängen
  • Verbrauchsdichten
  • Ausbaubedarfe

Ein ländliches Netz mit viel erneuerbarer Einspeisung verursacht andere Kosten als ein urbanes Industrienetz.

Die Regulierung erfolgt durch die Bundesnetzagentur im Rahmen der Anreizregulierung.

Netzbetreiber dürfen nur genehmigte Kosten weitergeben.


Strategische Stellhebel für Unternehmen

Und jetzt kommt der entscheidende Punkt:

Netzentgelte sind reguliert –
aber nicht völlig unbeeinflussbar.

Unternehmen können strategisch wirken durch:

1. Lastspitzenmanagement

Reduktion von Spitzenlasten senkt den Leistungspreis.

2. Lastverschiebung

Produktionsprozesse zeitlich anpassen, um Netzspitzen zu vermeiden.

3. Anschluss- und Spannungsebene prüfen

Mittelspannung kann unter Umständen günstiger sein als Niederspannung.

4. Atypische Netznutzung

Unter bestimmten Voraussetzungen sind reduzierte Netzentgelte möglich.

5. Individuelle Netzentgelte (§19 StromNEV)

Für bestimmte Verbrauchsprofile können individuelle Vereinbarungen bestehen.


Fazit

Netzentgelte sind kein Nebenthema.
Sie sind Infrastrukturkosten für ein hochkomplexes System.

Wer nur auf den Arbeitspreis seines Lieferanten schaut, ignoriert oft den strukturell größeren Hebel.

Energieeinkauf bedeutet nicht nur Beschaffung.
Er bedeutet Verständnis für Markt und Netz.

Und genau hier beginnt professionelle Steuerung.


Rechenbeispiel: Lastspitze senken = Netzentgelt senken

Annahmen (typischer RLM-Fall):

  • Jahresverbrauch: 100.000 kWh
  • Höchste 15-Minuten-Leistung (Lastspitze) bisher: 120 kW
  • Nach Optimierung (Lastmanagement): 90 kW
  • Leistungspreis (Beispiel): 120 €/kW/Jahr
  • Arbeitspreis Netzentgelt (Beispiel): 5,0 ct/kWh (hier unverändert, weil Verbrauch gleich bleibt)

1) Leistungspreis-Kosten vorher

120 kW × 120 €/kW = 14.400 € pro Jahr

2) Leistungspreis-Kosten nachher

90 kW × 120 €/kW = 10.800 € pro Jahr

3) Ersparnis nur durch geringere Lastspitze

14.400 € − 10.800 € = 3.600 € pro Jahr

➡️ 3.600 € Einsparung, ohne eine einzige kWh weniger zu verbrauchen – nur durch „Spitzen glätten“.


Warum das so ist (in einem Satz)

Das Netz muss für deine maximale Leistungsanforderung ausgelegt sein, nicht für deinen Durchschnitt. Darum ist die Lastspitze teuer.