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Merit-Order erklärt: Warum das teuerste Kraftwerk häufig den Strompreis bestimmt

Merit-Order erklärt: Warum das teuerste Kraftwerk häufig den Strompreis bestimmt

Viele Unternehmer erleben es immer wieder:
Gaspreise steigen – und kurze Zeit später steigen auch die Strompreise.
Und das, obwohl erneuerbare Energien oft sehr günstig produzieren.

Der Schlüssel zum Verständnis heißt: Merit-Order.


1️⃣ Was bedeutet Merit-Order?

Merit-Order ist eine Reihenfolge.

Am Strommarkt werden Kraftwerke nach ihren Grenzkosten sortiert – also den Kosten, die für die Produktion der nächsten Kilowattstunde entstehen.

Vereinfacht:

  • Wind und Solar: sehr niedrige Grenzkosten (kein Brennstoff)
  • Wasserkraft: niedrig
  • Braunkohle / Steinkohle: mittel
  • Gas: oft hoch (Brennstoff + CO₂)

Diese Reihenfolge ist nicht moralisch, sondern betriebswirtschaftlich.


2️⃣ Wie entsteht daraus der Preis?

Jetzt kommt der entscheidende Mechanismus:

Der Markt deckt die Nachfrage in Stufen:

  1. Zuerst kommt die günstigste Erzeugung (Wind/Solar)
  2. Dann wird mit den nächsten Kraftwerken aufgefüllt
  3. So lange, bis die Nachfrage vollständig gedeckt ist

Das letzte Kraftwerk, das noch benötigt wird, nennt man „marginales Kraftwerk“.

Und genau dieses Kraftwerk setzt den Börsenpreis für alle.

Warum?

Weil alle Erzeuger, die liefern, denselben Marktpreis bekommen – so funktioniert das Marktdesign.


3️⃣ Warum spielt Gas dabei so oft die Hauptrolle?

Gas ist häufig die „flexible Ergänzung“ im System:

  • wenn Wind und Sonne nicht ausreichen
  • wenn Nachfrage hoch ist
  • wenn kurzfristig regelbare Leistung gebraucht wird

Gaskraftwerke können relativ schnell hoch- und runterfahren. Das macht sie systemrelevant – aber auch preisprägend.

Und Gas hat zwei Kostenblöcke:

  • Brennstoffkosten (Gaspreis)
  • CO₂-Kosten (Emissionszertifikate)

Wenn Gas teurer wird oder CO₂ steigt, steigen die Grenzkosten der Gaskraftwerke.
Und wenn Gas am Ende gebraucht wird, wird der Börsenpreis teurer – für alle.


4️⃣ Ein kleines Zahlenbild (leicht verständlich)

Stellen wir uns vor, der Markt braucht heute 100 „Stromeinheiten“.

  • 60 Einheiten kommen aus Wind/Solar zu sehr niedrigen Grenzkosten
  • 25 Einheiten kommen aus Kohle zu mittleren Grenzkosten
  • 15 Einheiten müssen aus Gas kommen, weil sonst die Nachfrage nicht gedeckt ist

Wenn Gas die teuerste Einheit liefert, dann setzt Gas den Preis – auch für Wind und Kohle.

Das wirkt paradox – ist aber Marktdesign.


5️⃣ Was bedeutet das für Unternehmer?

Drei praktische Erkenntnisse:

1) Der Strompreis hängt nicht nur von Strom ab

Er hängt stark an Gas- und CO₂-Märkten, weil Gas oft das letzte benötigte Kraftwerk ist.

2) Kurzfristige Volatilität ist normal

Wenn Gaspreise springen (z. B. geopolitisch), springt der Strompreis oft mit.

3) Beschaffung ist Risikomanagement

Wer das Merit-Order-Prinzip kennt, versteht besser:

  • warum Preise steigen
  • wann Absicherung sinnvoll ist
  • warum Spotpreise in angespannten Lagen überproportional reagieren können

Fazit

Merit-Order bedeutet:

Nicht das günstigste Kraftwerk setzt den Preis.
Sondern das teuerste Kraftwerk, das noch gebraucht wird, um die Nachfrage zu decken.

Und weil Gas in vielen Situationen diese Rolle übernimmt, treibt Gas häufig den Strompreis.