Mythos – Atomstrom ist billiger
Die Aussage „Atomstrom ist billiger“ wirkt auf den ersten Blick eindeutig.
Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch: Die Kostenfrage ist komplexer.
Entscheidend ist, welche Kostenbestandteile einbezogen werden.
1. Produktionskosten vs. Systemkosten
Bei bestehenden Kernkraftwerken erscheinen die reinen Produktionskosten pro Kilowattstunde häufig relativ niedrig – insbesondere, wenn die ursprünglichen Baukosten bereits abgeschrieben sind.
Doch bei Neubauten zeigt sich ein anderes Bild:
- sehr hohe Investitionskosten
- Bauzeiten von häufig über 10 Jahren
- erhebliche Finanzierungskosten
- lange Kapitalbindung
- komplexe Genehmigungsprozesse
Hinzu kommen langfristige Kosten für:
- Rückbau der Anlagen
- Zwischen- und Endlagerung
- Sicherheitsmaßnahmen
Diese Systemkosten werden im einfachen Preisvergleich oft nicht berücksichtigt.
2. Staatliche Absicherung und Haftungsfragen
In vielen Ländern wurden Kernenergieprogramme historisch stark staatlich unterstützt:
- Forschungsförderung
- Begrenzung der Haftung im Schadensfall
- teilweise staatliche Übernahme langfristiger Entsorgungskosten
Wenn Risiken nicht vollständig marktwirtschaftlich eingepreist sind, entsteht ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Gesamtkosten.
3. Vergleich mit erneuerbaren Energien
Die Produktionskosten von Wind- und Solarenergie sind in den letzten Jahren deutlich gesunken.
Wesentliche Unterschiede:
- keine Brennstoffkosten
- kurze Bauzeiten
- modulare Skalierbarkeit
- geringe variable Kosten
In vielen Regionen liegen die Gestehungskosten neuer Wind- und Solaranlagen heute unter denen neuer Kernkraftwerke.
Zudem unterliegen erneuerbare Energien keinen Rohstoffpreisschwankungen wie fossile Energieträger.
4. Marktmechanik: Der Börsenpreis
Am Strommarkt bestimmt das jeweils teuerste noch benötigte Kraftwerk den Börsenpreis (Merit-Order-Prinzip).
Das bedeutet:
Auch wenn einzelne Erzeugungsarten niedrige Grenzkosten haben, bestimmt häufig ein flexibles – oft fossiles – Kraftwerk den Marktpreis.
Die reine Produktionsart erklärt daher nicht automatisch den Endpreis.
5. Kapitalbindung und Risiko
Kernkraftwerke binden sehr hohe Investitionssummen über lange Zeiträume.
Erneuerbare Anlagen sind schneller realisierbar und verteilen Investitionsrisiken breiter.
Aus unternehmerischer Sicht spielt Kapitalrendite eine entscheidende Rolle in der Kostenbetrachtung.
Fazit
Die Frage, ob Atomstrom „billiger“ ist, lässt sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten.
Sie hängt davon ab:
- ob nur Produktionskosten oder Gesamtsystemkosten betrachtet werden
- wie Investitions- und Finanzierungskosten bewertet werden
- welche langfristigen Risiken einbezogen werden
- welche Marktmechanismen wirken
Energiepreise entstehen im Zusammenspiel von Technologie, Kapital, Regulierung und Marktmechanik.
Und genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen – statt einfache Antworten zu akzeptieren.